Kann man mit jemanden, von dem man weiß, daß für ihn der Christus
allenfalls nebensächliche Bedeutung hat, zu einer anthroposophischen
Tagung als Redner und Arbeitsgruppenleiter einladen? Sollte man ihn zu
einem Kulturforum am Goetheanum bitten, wenn er privat sagt, daß einige
seiner Religionsgenossen den Christus für den Teufel halten? Darf man
einen anthroposophischen Verlag bitten, die deutsche Ausgabe seines
Buches "Kommen die Opfer des Holocaust wieder?" herauszugeben, wenn er
als Bedingung stellt, seine religiöse Sicht so darstellen zu können, wie
er es für richtig hält? Kann man diesen Menschen als Freund gewinnen,
obwohl er auf jeden Versuch, ihn irgendwie mit christlichen Gedanken in
Berührung zu bringen, sofort allergisch reagiert?
Der chassidische Rabiner Yonassan Gershom findet die Sicht, daß mit dem Mysterium von Golgatha das Judentum seine Aufgabe erfüllt habe, antisemitisch. Für ihn ist das Judentum eine religiöse Gemeinschaft, die an der Vollendung der Welt mitwirkt durch ihre Mizvot, die Taten der Erfüllung der Gebote der Thora. Er erzählte mir von der Höhe der chassidischen Kultur vor dem Holocaust und davon, wie sehr durch die Greueltaten des Holocaust die gesamte Weltentwicklung verzögert würde, weil Juden teilweise an ihrer eigenen Religion so zu zweifeln begännen, daß sie im nächsten Leben nicht mehr als Juden auf die Erde kämen und ihre Aufgabe, das Erscheinen des Messiah am Ende der Entwicklung vorzubereiten, aus den Augen verloren hätten. Seine Erschütterung, mit der er dies sagte, machte mich betroffen, weil ich ihn mit der gleichen Verbindlichkeit für seine Sicht kämpfen sehe, mit der ich in der meinen strebe. Was liegt hier als Gemeinsames hinter den verschiedenen Sichten?
Diese Frage führte uns, als wir uns kennen und schätzen lernten. Trotzdem sind wir auch heute (und wohl ebenso in Zukunft) in vielen zentralen Punkten grundverschiedener Ansicht. Wir haben manche Fragen sogar ausklammern müssen, weil wir in unseren Sichten zu gebunden waren, aber immer blieb die gemeinsame Basis: Wir sind Menschen, die darum ringen, den anderen als Menschen zu sehen, jenseits seiner Sichten. Gerade daraus entstanden Höhepunkte, für ihn: als er während der Goetheanum-Tage in Berlin Ostern 1997 mit Deutschen chassidische Weisen singen konnte: Er erlebte Versöhnung; - Höhepunkt für mich, als er mir auf dem Flughafen vor seinem Heimflug nach Amerika sagte, daß er aus Dornach die Frage nach der Individualität mitnehme; - gemeinsamer Höhepunkt, als wir uns im Podiumsgespräch im Goetheanum einig waren, daß sowohl die Thora als auch das Christentum zu Freiheit und Liebe führen.
Nur die Aufmerksamkeit auf den Anderen als Mensch in der brieflichen wie der persönlichen Begegnung erwies sich als entwicklungsfähig. Sobald ich ihn beispielsweise unauffällig doch auf Erfahrungen der Wirksamkeit des Christus führen wollte, sah er an der gleichen Stelle die Thora und war verärgert, weil er meinte, daß ich ihn missionieren wolle.
Wie weit darf man zu Gunsten dieses Allgemein-Menschlichen gehen? Eine Frage, die wohl jeder für sich beantworten muß. Ich frage mich: Habe ich meine Werte verleugnet, einem Juden für seine Lehren eine anthroposophische Plattform verschafft?
Ich möchte die Frage anhand seines Buches "Kehren die Opfer des Holocaust wieder?" versuchen zu beantworten. Mein erster Eindruck beim Lesen: Wir Anthroposophen kennen die Bedingungen und Gesetze für die Reinkarnation, aber die Erfahrungen machen andere. Yonassan Gershom erzählt in diesem Buch Geschichten von Menschen, die von Bildern geplagt wurden, die sich auf die Greuel der Konzentrationslager beziehen. Er geht dann diesen Bildern nach und überprüft sie auf ihre historische Faktizität. Dabei enthält er sich weitgehend der Interpretation. Er schreibt als Chassid, der Geschichten zur Heilung und Hilfe seiner Mitwelt erzählt, nicht als Wissenschaftler. Gerade diese Haltung kann die Erzählungen für Karma-Fragen wertvoll werden lassen, sie rufen nach geisteswissenschaftlicher Beleuchtung. Viele seiner Geschichten scheinen mir plausibel, manche werfen Fragen auf, wegen einer, die sich auf die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt bezieht, habe ich mit Yonassan Gershom leidenschaftlich gestritten. Wir wurden uns nicht einig: Er warf mir vor, daß ich als Christ jüdische Erfahrungen beurteilen wolle. Ich dagegen finde diese Geschichte immer noch zu ähnlich der Sinneswelt....
Wer sich über die chassidische Weltsicht orientieren will, findet in diesem Buch auch darüber eine kompakte und authentische Einführung. Er kann entdecken, daß die Wiederverkörperung von Anfang an im Chassidismus lebt, aber er wird auch auf Fragen stoßen, etwa bei der Aussage, daß sich ein Jude immer als Jude wiederverkörpern wird. Yonassan Gershom erzählte mir, daß seine innere Arbeit ihn zu Erlebnissen geführt habe, die ihm für seine eigene Vergangenheit diese Aussage bestätigen. Die im Buch geschilderten Erfahrungen stellen auch die Frage: Hat in jedem Fall eine Reinkarnation stattgefunden, oder könnten auch Erlebnisse der gerade Gemordeten auf die sich Verkörpern-Wollenden übergangen sein?
Allerdings würde eine geisteswissenschaftliche Betrachtung allein dem Anliegen des Buches nicht gerecht: es will Betroffenen helfen, und es will ein freudiges Lied singen von dem Zauber der jüdischen Esoterik.
Ich hoffe, daß mancher, der in diesem Buch liest, seine Sicht durch das unbefangene Wahrnehmen des ganz Anderen vertiefen kann, und so ebenfalls auf das Allgemein-Menschliche stößt, das mir den Dialog mit Yonassan Gershom so wertvoll werden ließ, daß wir jetzt Freunde geworden sind, obwohl wir uns in manchen Punkten wirklich nicht verstehen.
Dr. Andreas Heertsch
Leiter des Zweiges am Goetheanum
Bio auf Andreas Heertsch Homepage