[Judith Krischik, Interviewerin]: Der chassidische
Rabbi Yonassan Gershom aus dem US-Bundesstaat Minnesota
beschäftigt sich seit fast zwanzig Jahren mit der
Frage, ob Opfer des Holocausts wieder unter uns leben.
Eine Auswahl der zahlreichen Begegnungen und
Gespräche mit Menschen, die Erinnerungen an ein
Leiden und Sterben im Holocaust haben, hat er in seinen
beiden Büchern veröffentlicht. Doch ohne eine
spirituelle Seite des Judentums wäre diese Form des
Reinkarnationsgedanken für ihn nicht zu
erklären.
Alle wollen mit ihm reden. Die Anthroposophische Gesellschaft hat ihn zu ihrer Tagung »Reinkarnation und Karma« nach Berlin eingeladen. Am Ostersonntag sitzt er mir dann im wohl kleinsten Raum des Gebäudes, dem Sanitätszimmer, gegenüber. Seinen schwarzen Hut hat er abgenommen. Nur eine halbe Stunde gönnt man mir, die sich, wie sich dann herausstellt, ausdehnen läßt. Aber das ist wohl nicht der einzige Grund, daß wir in einem rasanten Tempo durch das Gespräch eilen. Yonassan Gershom strahlt eine permanente Unruhe aus. Zwischendurch streicht er kurz mit beiden Händen seinen langen Bart glatt. Bei jeder Frage, die ich stelle, schaut er nach unten auf den Boden. Dann kommt seine Antwort wie herausgeschossen.

[Korrigierung: Diese Bescreibung war ein Missverstandnis!!
Die Hin-und-Herwiegung war keine Unruhe -- sie war
normales chassidisches Verhalten und ,Körpersprache«
von Gebet und Kontemplation. Diese Gesten sind ganz
normale in chassidischer Kultur. In seinem
Leserbrief (Juni 1997) hat Rabbi
Gershom diese chassidische Gesten weiter erklärt.]
[Krischik]: Sie sprechen hier im Rahmen einer von
Anthroposophen organisierten Tagung. Wie erleben Sie das?
[Rabbi Gershom]: Um ehrlich zu sein, ist es öfter so
gewesen, daß zuerst nichtjüdische, esoterische
Gruppierungen auf mich aufmerksam wurden. Sie wollen ihre
Tagungen abrunden und suchen nach Repräsentanten
verschiedener Religionen. Weil ich jüdisch bin und
außerdem seit einiger Zeit über das Thema
Reinkarnation schreibe, passe ich in diese Lücke.
In Ihrem ersten Buch bekommt man den Eindruck, daß
Sie sich eingehend mit den spirituell-christlichen Ideen
Edgar Cayces, des Schlafenden Propheten, auseinandergesetzt
haben.
...mein erstes Manuskript war ganz in jüdischer
Mythologie geschrieben. Ich habe zwei Fehler mit dem ersten
Buch gemacht. Der erste bestand darin, daß der
Cayce-Verlag »A.R.E. Press« und ich zu dem Schluß
kamen, es für einen größeren Markt
umzuschreiben. Ich habe deshalb versucht, Brücken zu
anderen Religionen und Gruppierungen zu schlagen. Dazu
gehörte die Cayce-Bewegung, aber auch die Psychologen,
Sufis, Indianer und andere. Ich habe das so gut gemacht,
daß Leute meinten, ich sei ein religiöser
»mish masher«. Das habe ich im zweiten Buch korrigiert.
Und der zweite Fehler?
Ich legte im ersten Buch bei der Schilderung der Fälle
den Schwerpunkt auf Menschen, die nicht als Juden
zurückgekommen sind. Ich tat das deshalb, weil ich
objektiv sein wollte. Ich wollte damit die Skeptiker
überzeugen. Man kann die Auswahl jedoch deshalb nicht
wissenschaftlich nennen, da sie nicht das ganze Spektrum
darstellt. Tatsächlich zählte ich viel mehr Juden
als Nicht-Juden, die sich wiederinkarniert haben. Das wurde
falsch interpretiert. Ich hätte damit sagen wollen,
daß die meisten Menschen in ihrem jetzigen Leben nicht
jüdisch seien. Wenn ich eines korrigieren möchte,
dann ist es das.
Viele Menschen, die mit ihren Ängsten und Erinnerungen
an ihr Leben im Holocaust zu Ihnen kommen, gehen
zuversichtlicher wieder fort, schließen eine Therapie
an usw. Wie glauben Sie, kann das Karma des Holocausts als
solches geheilt werden?
Das wirklich spirituelle Karma des Holocausts kann nicht
geheilt werden, bevor nicht die nicht-jüdische Welt
den Judaismus den anderen spirituellen Wegen ebenbürtig
anerkennt.Der Holocaust war da, um die Juden zu zerstören
und um sie zu beschämen. Wir hüpfen nicht von
einem Platz zum anderen und kommen mal als Ägypter,
dann als ich weiß nicht was wieder. Nein. Wir glauben
an Gruppenseelen und daran, daß jüdische Seelen
jüdische Seelen bleiben. Das hat seinen Ursprung
zurück bis zum Bund Mose mit Gott auf dem Berg Sinai.
Wenn heute nach dem Holocaust jemand entscheidet, nicht
als Jude wiederzukommen, dann weil seine Seele so stark
verwundet, so beschämt wurde, daß sie nicht
ertragen kann, noch einmal durch so etwas hindurchzugehen.
Aus dieser Angst heraus und dem Wunsch, akzeptiert zu werden,
entscheidet sie sich, sich nicht als Jude
wiederzuinkarnieren - nicht, weil sie "das Licht sah"
und Christ wurde.
Und was ist mit denen, die sich entscheiden, als Juden
wiederzukommen?
Ich glaube, daß die Mehrzahl der Juden, die nach dem
Zweiten Weltkrieg geboren wurden, auch Seelen aus dem
Holocaust sind. Ich kann es wissenschaftlich aber nicht
überprüfen. Viele der Jüngeren bei mir zu
Hause kämpfen tief in ihren Herzen darum, das Judentum
als etwas Schönes anzunehmen. Viele sagen, daß
sie gar nicht verstehen, warum sie überhaupt Juden
sein sollen. Sie leben doch in Amerika, wo alles so frei
ist; und wenn sie Dinge tun, die zu jüdisch sind,
fühlen sie nur Schmerz und Furcht. Ich sehe das so,
daß sie immer noch den Schmerz, die Furcht darüber
mit sich herumtragen, was sie im Holocaust erlebt haben. Es
gibt Leute, die mich da mißverstehen wollen. Sie
meinen, ich würde damit sagen, daßsowieso alle
wiedergekommen sind. Deshalb sei es auch egal, ob sie
umgebracht wurden oder nicht. Das sage ich gerade nicht.
Jeder, der die Geschichten in meinen Büchern liest
oder davon hört, kann sehen, daß ihr Leben in
der Mitte ihrer Jugend abgeschnitten wurde. Sie kamen gleich
wieder zurück, weil sie das zu Ende bringen wollen,
was ihnen weggenommen wurde. Sie kamen mit einem solchen
Herzensschmerz und Weltschmerz zurück.
Was können wir tun?
Ich habe ja bereits gesagt, daß der jüdische
Weg als vollkommener spiritueller Weg anerkannt werden muss;
wie andere Traditionen auch. Wir müssen zu keiner
anderen Religion konvertieren, um spirituell zu sein. Es
gibt auch in der New Age-Bewegung Antisemitismus und eine
Reihe von Stereotypen über Juden.Erst langsam wird auch
die jüdische Spiritualität wahrgenommen. Wenn ich sonst
zu so einer Tagung wie hier in Berlin komme, bekomme ich all
die Erklärungen zu hören, warum der jüdische
Weg nicht der richtige ist. Anders gesagt: Wenn ein
hinduistischer Guru spricht, hört man gern einem
Repräsentanten einer alten Kultur zu. Wenn Leute zu
einem Juden kommen, pflücken sie alles, was er sagt,
auseinander und erklären, warum es nicht in ihre eigene
Sache paßt. Antisemitismus ist sehr subtil.Die meisten,
die mich einladen wollen, wollen nur etwas über den
Holocaust hören. Ich antworte dann: Aber außerdem
möchte ich etwas zum Judentum machen, etwas Schönes
und Fröhliches. Denn sonst kommt die Meinung auf, Juden
würden immer nur über den Holocaust reden wollen.
Sie sprechen in Ihren Büchern darüber, daß
sich durch den Holocaust der Archetyp der jüdischen
Gemeinschaft geändert hat. Was verstehen Sie
darunter?
Ich denke, daß die Geschichte der Juden häufig
Archetypen produziert hat. Ein Beispiel aus der Bibel etwa
ist der Exodus der Juden aus Ägypten. Martin Luther
King sagte einmal: »Ich war auf dem Gipfel des Berges. Dort
habe ich das verheißene Land gesehen. Ich habe einen
Traum...« Er gebrauchte das Bild in einer Weise, um
über Sklaverei und die Unterdrückung der
Schwarzen zu reden. Der Auszug der Juden aus Ägypten
wurde ein Urbild für die Befreiung eines Volkes.Ich
glaube, daß der Holocaust ein Urbild für die
Vernichtung eines Volkes werden wird. Wir sind jedoch noch
zu nah dran, um genauer sagen zu können, was das
heilen wird. Spricht heutzutage jemand über Genozid,
nennt man es auch Holocaust. Der Holocaust wurde ein Symbol
für das Böse des Rassismus. Das Schlimmste am
Holocaust war gar nicht der Rassismus selbst Rassismus gab
es immer schon, sondern daß die gesamte Welt nichts
Falsches darin sah. Es gab kaum Protest damals. Wenn
heutzutage Dinge geschehen wie in Bosnien, dann gibt es
einen weltweiten Aufschrei.
Was aber hat der Holocaust bei den Juden selbst
verändert?
Juden denken nicht mehr länger in Begriffen von
Gewaltlosigkeit. Selbstverteidigung mit Zuhilfenahme von
Gewalt wird heute als der adäquatere Weg verstanden.
Aber um es ganz deutlich zu machen, ich möchte nicht
über Israel sprechen. Ich bin weder Israeli, noch war
ich jemals in Israel.
Was hat sich auf einer spirituellen Ebene
verändert?
Elisabeth Kübler-Ross spricht von fünf Schritten,
um Trauer zu verarbeiten: Nicht-wahrhaben-wollen, Zorn,
Verhandeln, Depression und Zustimmung. Man hat eine ganze
Generation lang nicht über den Holocaust gesprochen.
Selbst Überlebende waren nicht in der Lage dazu. Das
begann erst mit dem Eichmann-Prozeß in den sechziger
Jahren.Zur Zeit sind wir in der Phase des Zorns. Wir leben
mit all diesen ungelösten Problemen. Wir können
es uns nicht leisten, in den Wolken zu leben. Wir haben
praktische Probleme: in Israel, im Mittleren Osten,
daß die amerikanischen Juden in die dominierende
Kultur assimilieren, ihr Jüdischsein abgeben und
Amerikaner werden. Die große Mehrheit hat keinen
Sinn für spirituelle Fragen.
Wie sehen Sie da Ihre Aufgabe?
Ich versuche, eine Brücke zum Chassidismus zu bilden,
wie er vor dem Holocaust gelebt hat. Aber wie ich schon
in meinem Traum beschreibe: Ich bin eine Generation zu
früh. Es ist nicht meine Generation, die spirituell
verstehen wird, was im Dritten Reich geschah. Ich glaube,
das ist mit jeder Gruppierung so. Es braucht manchmal ein
Jahrhundert oder mehr, bevor man eine Katastrophe dieser
Größenordnung verstehen kann.Die Indianer sind
ein weiteres Beispiel dafür. Erst seit den siebziger
Jahren entdecken sie ihren Stolz und ihre Spiritualität
wieder. Ich lebe in der Nachbarschaft von Indianern. Ich
erinnere mich, daß es in den fünfziger, sechziger
Jahren keine Sonnentanz-Zeremonien, Schwitzhütten und
so weiter gab. Seit dem Ende der europäischen Eroberung
um etwa 1880 herum konnte genug Geschichte und Zeit
verstreichen, um heute wieder an die Traditionen
anzuknüpfen.
Und die jüdische Spiritualität?
Es gibt auch ein jüdisches Revival. Doch es findet
nicht öffentlich statt, sondern bei den Menschen zu
Hause am Sabbath-Tisch. Es gibt kleine Anfänge einer
Wiederbelebung jüdischer Spiritualität. Aber es
kann nur geschehen, wenn die Probleme verarbeitet werden
und man wieder stolz darauf sein kann, ein Jude zu sein.
Eine Menge Juden lösen das Judentum von seiner
Spiritualität los. Weil die Gesellschaft vermittelt,
daß jüdisch nicht spirituell ist, wenden sie
sich zur Anthroposophie, zum Buddhismus oder Hinduismus -
nicht zum Chassidismus. Sie gehen oft im Kreis. Zuerst
wählen sie die Anthroposophie und dann kommen sie
zurück. Es braucht sehr viel Zeit, um diese Dinge
zu heilen. Ich spreche nicht für die Mehrheit, aber
ich weiß auch nicht, ob die Mehrheit immer sagt,
was Spiritualität ist. Ich wurde von niemandem
gewählt, darüber zu sprechen. Vielleicht ist es
auch nur meine ganz persönliche Sache.
Auf Englisch: Yonassan Gershom: »Beyond the Ashes. Cases of Reincarnation from the Holocaust.« A.R.E. press, Virginia Beach, Virginia, 1992.»From Ashes to Healing.« A.R.E. press, Virginia Beach, Virginia, 1996.
Auf Deutsch: eine Übersetzung Kehren die Opfer des Holocaust Wieder?' ist fast fertig. Beide Bücher in einem Band! Aus dem Verlag am Goetheanum, Dornach, Schweitz.